
An der Chemnitzer Beteiligung am diesjährigen „Trauermarsch“ in Dresden zeigt sich erneut, wo die Schwächen und Stärken der Chemnitzer Neonaziszene derzeit liegen. Grund genug für eine kurze Analyse und einen Überblick über die Teilnehmenden aus der Region Chemnitz am Trauermarsch und dem zeitgleich stattfindenden „Ausbruch“-Marsch in Budapest.
Trotz einer dauerhaft aktiven neonazistischen Szene und etablierten Strukturen vor Ort, gelingt es der Chemnitzer Neonazi-Szene seit dem Verbot der „Nationalen Sozialisten Chemnitz“ nicht, eine langfristig aktive, öffentlich auftretende Gruppe aufzubauen. Die 2014 verbotene Kameradschaft war die letzte Struktur, die öffentlich und langfristig auftrat. Ihre Zerschlagung hallt bis heute nach, was aber nicht darüber hinwegtäuschen darf, dass einzelne Chemnitzer Akteure tragende Rollen in der überregionalen Szene spielen. Die Stärken und Prioritäten der extrem rechten Szene in der Stadt liegen mit der kommunalpolitischen Etablierung der „Freien Sachsen“ und der Festigung von Vertriebs- und Wirtschaftsstrukturen mittlerweile woanders.

Seit etwa Mitte 2024 wurde die „Chemnitz Revolte“ für kurze Zeit ein Anlaufpunkt junger Neonazis und entging mit ihrer Auflösung nur knapp einem Verbot. Von der früheren Chemnitz Revolte nahm die Anführerin Stella Schmidt mit Alexander Dick und einem weiteren, namentlich nicht bekannten, jungen Neonazi am diesjährigen Trauermarsch teil. Aus dem ehemaligen „Chemnitz-Revolte“-Umfeld beteiligten sich außerdem Thaddäus Rösch und Jannik am Aufmarsch. Die „Chemnitz Revolte“ kam nie an den Organisationsgrad etablierter Neonazi-Strukturen, wie der „Jungen Nationalisten“ (JN) oder der „Nationalrevolutionären Jugend“ (NRJ), heran. Die JN und die NRJ, die bundesweit Stützpunkte betreiben und streng hierarchisch organisiert sind, haben bis heute keine aktiven und öffentlich sichtbaren Gruppen in Chemnitz. Die NRJ betreibt als „Aktive Jugend Chemnitz“ zwar neuerdings einen Instagram-Account und die JN Mittelsachsen veranstaltete im November 2024 ein Interessiertentreffen im „Freie Sachsen“-Zentrum an der Brauhausstraße, aber ein eigener Stützpunkt entstand, trotz entsprechender Pläne, nicht.

Im vergangenen Jahr wurde versucht eine Chemnitzer JN-Gruppe um Stanley S. und Brian Bunzel aufzubauen, was allerdings scheiterte. Beim diesjährigen „Trauermarsch“ waren „Philipp“ und seine Partnerin Marie Tillmann die einzigen aus Chemnitz im JN-Block. „Philipp“ ist erst seit kurzem aktiv und nach eigener Aussage (noch) kein Mitglied der JN. Er führt mit Marie Tillmann eine Beziehung, die kürzlich extra wegen ihrer Freundschaften zu Personen aus der „Chemnitz Revolte“, besonders zu Stella Schmidt, von Mönchengladbach nach Chemnitz zog. Die beiden nähern sich mittlerweile der aktiven mittelsächsischen JN um Stefan Trautmann an.
In Dresden fiel dieses Jahr außerdem eine Gruppe auf, die zumindest als JN-nah betrachtet werden kann und die es weiter zu beobachten gilt: Seit einigen Jahren tritt der Chemnitzer Neonazi Robert Käthner mit einer Gruppe von deutlich jüngeren, etwa 15- bis 25-jährigen Neonazis aus der Fußballszene auf. Sie bewegen sich immer wieder auf Aufmärschen, die von der JN dominiert werden und nahmen teilweise am JN-Interessiertentreffen 2024 teil. Weiter beteiligten sie sich an mehreren Anti-CSD-Protesten und störten etwa die antifaschistische Großdemonstration am 21.01.2024. Seit vergangenem Jahr waren auch die Geschwister Alma und Ole Willhardt immer wieder mit der Gruppe unterwegs. Mit zumindest einem weiteren Mitglied der Gruppe, „Roy“, nahmen sie am Trauermarsch in Dresden teil. Alma und Ole Willhardt sind Kinder der extrem rechten Tätowiererin Sylvia Willhardt, die seit etwa zehn Jahren mit dem langjährig aktiven Neonazi Thomas Ebert aus dem Blood-and-Honour-Umfeld liiert ist. Sie sind außerdem verwandt mit dem ehemaligen Kameradschafter und NPD-Vorsitzenden von Chemnitz, Sven Willhardt.

Als Überrest einstiger Kameradschaftsstrukturen in Chemnitz lief Marcel Bendel in Dresden mit. Er war Teil der 2014 verbotenen „Nationalen Sozialisten Chemnitz“. Bekannte Chemnitzer um ihn herum fanden sich dieses Jahr, anders als in den vergangenen Jahren, nicht. Stattdessen bestritt er den Aufmarsch mit dem Bornaer Karsten Promnitz. Der langjährig aktive Rechtsrockhändler Yves Rahmel, der den NSC ebenfalls nahe stand, stellte, wie die vergangenen Jahre auch, die Bühnentechnik für den Aufmarsch. Er ist einer von zwei Chemnitzern, die dieses Jahr eine organisatorische Rolle beim Trauermarsch innehatten: Der Fraktionsgeschäftsführer der Fraktion Pro Chemnitz/Freie Sachsen im Chemnitzer Stadtrat und Ortschaftsratsmitglied in Chemnitz-Röhrsdorf, Michael Brück (ehemals Nationale Sozialisten Dortmund, Die Rechte) trat dieses Jahr als Pressesprecher des Aufmarsches auf.

Mit Rene Klepsch besuchte eine Person aus dem Umfeld der Gruppe um das „Zentrum Chemnitz“, dem lokalen Treffpunkt der „Identitären Bewegung“, den Trauermarsch. Klepsch ist mittlerweile fester Bestandteil der neonazistischen Mediengruppe „Balaclava Graphics“ um Benjamin Moses aus Bautzen und war für die Dokumentation des Aufmarsches zuständig. Ebenfalls als Medienaktivist tätig ist der Freie-Sachsen-nahe Streamer Michael Wittwer, der den Trauermarsch online übertrug.

Weitere Chemnitzer können derzeit keinen konkreten Zusammenhängen zugeordnet werden und nahmen als Einzelpersonen am Trauermarsch teil: Der Chemnitzer Maler und Lackierer Ronny Seifert bewegte sich in der Vergangenheit im Umfeld der Partei „Der III. Weg“. Der aus dem Raum Berlin zugezogene Jan Gallasch (Augustusburg) spielte eine Rolle bei den Zeitzeugenvorträgen des mittlerweile aufgelösten „Sport und Bildung e.V.“ im Chemnitzer Raum. Ronny Görner aus dem Raum Zschopau ist nach wie vor besonders in der neonazistischen Musikszene aktiv. Jörg Gnitzka, Danilo Münzner und Robert Thierbach aus der Region Schwarzenberg stammen aus dem Umfeld der neu gegründeten selbsternannten „Bruderschaft Schwarzes Heer“. Auch Neonazi Markus Harzendorf aus der Nähe von Chemnitz kam dieses Mal ohne bekannte Chemnitzer Begleitung. Er gehört zu einer Gruppe, die sich mehrmals an der dieses Jahr gleichzeitig stattfindenden SS-Gedenkwanderung „Ausbruch“ in Budapest beteiligte.

2026 reisten trotz der Überschneidung mehrere Personen aus der Chemnitzer Region zu dem seit Jahren fest in der Szene verankerten Event nach Ungarn: Jörg Endesfelder, Teil der ehemaligen „Nationalen Sozialisten Chemnitz“, Peter Dreimol, langjähriger Aktivist aus dem Umfeld des III. Wegs in Mittelsachsen und Chemnitz, außerdem der Thalheimer Roy Vogel und Heiko Wasilewski, der in den Neonazi-Bands „Stahlfront“ und „Front 776“ bzw. deren Vorgängerband „Blitzkrieg“ spielte.
